Von:
Thomas Zeilinger

e-ethik.de

„Erörtern Sie, ob es moralisch legitim ist, von einem so genannten Schwarzfahrer in öffentlichen Verkehrsmitteln ein erhöhtes Beförderungsgeld zu verlangen!“ – Mit dieser „Abituraufgabe im Fach Ethik“ eröffnet Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig seine CD „P.I.S.A. –Pelzig in Sachen Abitur“. Das Gespräch der drei Protagonisten Erwin Pelzig, Hartmut und Dr. Göbel erfüllt natürlich keinerlei PISA-Erwartungen an schulische Bildung. Umso mehr entlarvt die Komik des Kabarettisten einige Probleme des „Fachs“ Ethik. „Was ist denn eigentlich Ethik?“ – auf diese Frage gibt Pelzig eine zunächst eigenartige Antwort: „Ethik ist wie Religion ohne Weihnachten. Also, wenn einer nicht an Gott glaubt, aber trotzdem glaubt, dass er was glaubt, dann ist er ethisch.“

Ethik hat Konjunktur. Ratgeberspalten in Magazinen beschäftigen sich mit ethischen Themen, es gibt kaum ein gesellschaftliches Problem, bei dem wenn schon nicht eine Ethik-Kommission so doch eine ethische Reflexion gefordert wird. Ethik wird gemeinhin für eine höchst allgemeine und wichtige Angelegenheit gehalten. „Irgendwie“ hat sie mit Überzeugungen und Gewissheiten zu tun hat – und „irgendwie“ auch mit dem (christlichen) Glauben, „irgendwie“ aber auch nicht. – Was also ist das eigentlich, Ethik?

Spätestens seit Immanuel Kant ist die Ethik aufs Engste mit der Frage verknüpft: „Was sollen wir tun?“ Auf das Handeln gerichtet fragt die Ethik nach dem, was sein soll und wie sich dies begründen lässt. Kant selbst hat dazu in seinem „kategorischen Imperativ“ ein steiles Prinzip für das menschliche Handeln formuliert. In diesem Zusammenhang wird dann auch das Schwarzfahren schnell zu einer „Grundfrage philosophischer Ethik“, wie es ironisch bei Erwin Pelzig heißt.

Nach meiner Erfahrung erwarten Menschen zunächst oft, dass sie auf ein Defizit angesprochen werden, wenn sie das Wort „Ethik“ hören. Ethik begegnet ihnen als moralischer Appell, der im Grunde dauernd in Spannung zur Realität steht: „Im wirklichen Leben geht’s doch ganz anders zu!“ Schnell gerät das Ethische so in die Nähe des Weltfremden, das auf dem Boden der Tatsachen nicht Recht Heimat findet. Es hat dann in Unternehmensleitbildern und Sonntagspredigten seinen Platz, aber wie soll es bloß in den Alltag umgesetzt werden? – So weit, so ernüchternd kann der Blick auf die Ethik ausfallen, wenn wir sie nur von der Seite des Sollens betrachten.

Es gibt noch einen anderen Blick auf die Ethik. Er haftet am griechischen Ursprung des Wortes. Dort steht das Wörtchen Ethos, das sich mit Wohnung oder Heimat übersetzen lässt. Im Ethos einer Person kommt die Quintessenz dessen zum Ausdruck, was diese Person prägt, worin sie verwurzelt ist, in welchen Überzeugungen ihr Sein und Handeln gründet, worauf sie vertraut, wofür sie einsteht, woran sie sich orientiert und wo sie ihre geistige Heimat hat.

Die Frage nach meiner Ethik ist also stets auch die Frage: Wer bin ich? – Wie richte ich mich in meinem Leben ein, in welchen Gewohnheiten bin ich zuhause und will ich zuhause sein? Erwin Pelzigs Karikatur trifft ins Herz der Ethik: Ethik hat es stets (auch) mit eigenen Überzeugungen und Glaubensdingen zu tun. Dabei handelt es sich mitnichten um eine bloß individuelle Angelegenheit. Denn auch gemeinsam gilt: Wer wollen wir sein? – Wie sich eine Gesellschaft gemeinsam einrichtet und ausrichtet, an welchen Überzeugungen sie sich orientiert, verrät, wes Geistes Kind sie ist, mithin welche Religion sie hat.

Die christliche Religion ihrerseits hat bei der Frage was denn nun Ethik eigentlich sei, eine recht klare Aussage – zumindest in evangelischer Perspektive: An erster Stelle steht – Gott sei Dank – das, was uns schon gegeben und geschenkt ist, die Aufgabe, was auf dieser Grundlage dann sein soll, kommt an zweiter Stelle.